| *** Für die einen waren Kiss die Größten, für die anderen das Synonym für allerschlimmsten Pipfax-Rock. Wenn man sich nicht an ihrem Make-Up und ihrem störte, konnte man mit ihrer Musik gut unterhalten. Denn diese war bei weitem nicht so schlimm, wie die meisten der internationalen Musikkritiker einem weismachen wollten. Kiss war halt Rockkabarett und, wenn man genau hinhörte, klang stets ein schelmisches Augenzwinkern durch, welches sie von anderen Gruppen ihres Genres unterschied. Unter diesem Aspekt hatten sie zwischen 1974 und 1977 mit Kiss, Hotter Than Hell, Dressed To Kill, Destroyer, Rock And Roll Over und Love Gun sechs sehr unterhaltsame Studioalben und mit Alive und Alive II zwei tolle Livealben eingespielt. Wenn man allerdings einigermaßen kritisch war, dann wird man ihre Musik allenfalls mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben. Im Gegensatz zu damals sehr erfolgreichen Hard- und Heavybands wie Deep Purple, Black Sabbath, Thin Lizzy, Status Quo, Alice Cooper, Bachman-Turner Overdrive oder Grand Funk wirkte das, was Kiss machte, doch sehr simpel. Die musikalischen Schwächen überdeckten Ace Frehley, Paul Stanley, Gene Simmons und Peter Criss mit ihrem aggressiven Outfit und ihren spektakulären Liveshows (auf der Bühne waren sie allerdings wirklich klasse!). Und ihr Horror-Make-up war es schließlich auch, das die Gruppe besonders bei einem sehr jungen Publikum populär machte und ihnen in dieser Altergruppe ein besonders breites und treues Publikum bescherte. Von dem ein oder anderen Achtungserfolg einmal abgesehen war ihnen bis 1978 der große Durchbruch in Europa noch nicht gelungen. Das sollte sich 1979 schlagartig ändern.<br>Der Grund für diesen massiven Popularitätsschub war die Single I Was Made For Lovin You. Sowohl in den USA als auch in Europa konnten sie mit diesem Titel einen echten Tophit landen (in der Bundesrepublik Deutschland kam das Stück immerhin bis auf Platz 2). In Zeiten des alles beherrschenden Discosounds bot dieser Knaller eine echte Alternative und bewies, daß man auch mit Rockmusik große Erfolge erzielen konnte. I Was Made For Lovin You machte Lust auf mehr Kiss, auf das 1979 erschienene zehnte Album Dynasty. Wer mehr Stücke von dem Kaliber I Was Made For Lovin You erwartet, der wird, bis auf eine Ausnahme, von diesem Album bitter enttäuscht. Die eine Ausnahme ist Sure Know Something, eines der besten Kiss Stücke überhaupt, das beweist, daß Kiss richtig tolle Songs schreiben können, wenn sie nur wollen. Recht ordentlich , wenn auch mit Abstrichen, sind Dirty Livin und Hard Times. Die restlichen Stücke Charisma, Magic Touch, Save Your Love, X-Ray Eyes und 2000 Man sind allenfalls Durchschnitt und kaum der Rede wert. Hier liegt m.E. der Fehler von Dynasty, denn zwei wirklich tolle Stücke sind einfach zu wenig für eine LP. Wenn man sich seinerzeit die Singles I Was Made For Lovin You und Sure Know Something gekauft hat, konnte man auf Dynasty getrost verzichten. Für diejenigen, deren erster Kontakt mit der Rockmusik Dynasty gewesen ist, werden das Album mit Sicherheit klasse finden. Wer vorher schon seine Lektionen in Sachen Rockmusik mit Purple, Sabbath & Co. gelernt hat, der wird für Dynasty allenfalls ein müdes Lächeln übrig haben und dankend abwinken.<br>Alles in allen ist Dynasty eine durchschnittliche Angelegenheit, bietet das Album Kiss wie gehabt: Auf, wie in diesem Fall, zwei wirklich starke Songs folgt doppelt soviel Füllmaterial. Überhaupt, wären Kiss nicht mit ihrer auffälligen Optik aufgetreten, hätte irgendwer Dynasty oder Kiss im allgemeinen zur Kenntnis genommen, zumal es zum damaligen Zeitpunkt Hard- und Heavyrock, speziell aus England (Judas Priest, Iron Maiden, Saxon etc.), in wesentlich besserer und kompetenter Form gab? Last edited: 12.04.2008 16:51 |